Wie kann ich anderen helfen, wenn es mir selbst nicht gut geht?

„Die Arbeit macht einen schlechten Menschen aus dir“, höre ich meinen Mann an diesem klirrend kalten Samstagmorgen sagen. Nach Monaten des 24/7-Dauer-Durcharbeitens bin ich völlig erschöpft und habe mich mit Mühe bis zum Wochenende geschleppt, als ich plötzlich doch wieder in die Arbeit beordert werde. Trotz meines Zustands reagiere ich wie ein gehorsamer Soldat und packe, wie ferngesteuert, meine Tasche. Als mein Mann sagt „Ich möchte dich in dem Zustand eigentlich nicht gehen lassen. Kann nicht jemand anders für dich einspringen?“, fühle ich mich komplett unverstanden und greife ihn verbal an. Denn in meiner Wahrnehmung gibt es niemanden, der mich ersetzen kann.

Wenn uns alles zu viel wird, uns ein Anruf bereits aus dem Gleichgewicht bringt und wir unser Umfeld mit Stinkbomben bewerfen, dann ist es Zeit die Notbremse zu ziehen. Verpassen wir diesen Moment und ignorieren über Monate oder sogar Jahre unsere Bedürfnisse nach Ruhe, Erholung und Stille, geht unser Körper irgendwann in die Dekompensation und wir werden krank (so wie ich, sechs Wochen später – im Frühjahr 2012). Die leise Stimme unserer Intuition ruft „Time out, ich kann nicht mehr“, aber unsere inneren Antreiber, die tief in unserem Unterbewusstsein verankert sind, schreien „sei perfekt“, „mach es allen Recht“ und „sei stark“. Sie machen so viel Lärm, dass die leisen Töne überhört werden. Wir machen einfach weiter und brennen langsam aus.

Wie wir aus diesem Teufelskreis rauskommen:

Es gibt eine Regel an Bord eines Flugzeugs, wenn die Sauerstoffmasken von der Decke fallen: Ich versorge mich selbst mit Sauerstoff; erst danach helfe ich anderen. Genau dieses Prinzip gilt es in den Alltag zu integrieren, um selbst gesund zu bleiben. Wir müssen also anfangen, uns wieder mehr um uns selbst zu kümmern. Denn wenn ich gut für mich sorge und in meiner Kraft bin, dann bin ich auch in der Lage mich meinem Umfeld achtsam zu widmen. Um in diese Position zurück zu kehren, braucht es etwas Übung in der Selbstwahrnehmung.

5 Schritte für stressige Situationen:

  1. Erkennen Sie den Überforderungs-Moment als solchen.
  2. Nehmen Sie bewusst ein paar tiefe Atemzüge (raus aus der Flachatmung) damit das Gehirn wieder ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird und Sie klar denken können.
  3. Nehmen Sie Ihre Gedanken bewusst wahr, ohne sie zu bewerten.
  4. Scannen Sie gedanklich Ihren Körper ab – vom Scheitel bis zur Sohle (z.B. mit geschlossenen Augen). Die Stellen im Körper, die sich eng anfühlen oder schmerzen, nehmen Sie bewusst wahr und schicken den Atem dort hinein.
  5. Bleiben Sie im Fühlen und fragen Sie sich, was Sie wirklich wollen, was Ihnen jetzt wichtig ist und übernehmen Sie dann die Verantwortung für Ihr Handeln.

Mit diesem kleinen Bewusstheits-Training können wir den Lärm des Alltags für einen Moment ausschalten. Stattdessen tritt eine innere Ruhe ein, die uns hilft, Situationen neu einzuschätzen und zu sortieren, um schließlich auf neue Lösungswege zu kommen. Denn „Probleme können niemals mit der gleichen Denkweise gelöst werden, durch die sie entstanden sind“ (Albert Einstein).

Um langfristig gesund zu bleiben, empfehle ich folgende Prophylaxe:

  1. Nutzen Sie jede Pause im Arbeitsalltag. Am besten allein und ohne Handy, damit sich Ihr Geist vom Lärm des Tages erholen kann und offen ist für neue Impulse. Sie werden sehen, dass Sie diese kleinen Auszeiten am Ende leistungsfähiger machen.
  2. Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit für Dinge, die Ihnen Freude bereiten (z.B. ein Waldspaziergang, die Lieblingsmusik hören, ein Saunabesuch oder Sport...). Damit tanken Sie neue Kraft und füllen Ihr Energie Level wieder auf.
  3. Etablieren Sie eine Morgenroutine (z.B. Yoga oder Meditation*), um die Stimme Ihrer Intuition wieder vermehrt wahrzunehmen und Signale des Körpers schneller deuten zu können. Wenn wir uns erlauben, diese „kleinen Räume“ in unseren Alltag zu integrieren, dann werden wir immer feiner in unserer Wahrnehmung und spüren schneller, wenn wir aus dem Gleichgewicht geraten. Denn erst mit zunehmender Bewusstheit entsteht Selbstführung und Selbstregulation – und es wird leichter, andere zu führen und zu begleiten.

Nicht der Job hat einen schlechten Menschen aus mir gemacht. Ich habe mich dem Fluss des Systems einfach unreflektiert hingegeben, die Signale meines Körpers ignoriert und ihn damit zum Absturz gebracht. Wenn wir anfangen Verantwortung für uns selbst zu übernehmen, dann entsteht ein Gefühl von innerer Freiheit und es fällt uns plötzlich deutlich leichter, die Menschen und ihre Bedürfnisse um uns herum wahrzunehmen und sie zu unterstützen.

* z.B. Yoga mit Mady Morrison kostenlos auf YouTube. Meditations-Apps, wie z.B. headspace.com oder 7mind.de

Über die Autorin

Leadership Coach Ulrike Krasemann begleitet Frauen, die eigenverantwortlich, bewusst und authentisch führen möchten. Frauen, die keine Rolle erfüllen oder männliche Führungsmuster adaptieren wollen, sondern aus sich selbst heraus für ihr Team ein sogenannter „Supportive Leader“ sein möchten, der seine Mitarbeiter einlädt, ermutigt und inspiriert.

Zuletzt aktualisiert: 21.05.2019