Wenn es um das berufliche Vorankommen geht, sind es häufig die stilleren und introvertierteren Charaktere, bei denen die Karriere schleppender verläuft. Vor allem in männlich dominierten Branchen, wie der Medizin, ist die eigene Entwicklung oft mit einem massiven Auf-sich-aufmerksam-Machen korreliert. Häufig werden mir solche Eigenschaften als Angeberei oder Aufgeblasenheit beschrieben. „Muss ich auch so sein, um voranzukommen?“, fragen meine Klientinnen mich dann. Meine klare Antwort ist: „Nein“. Es gibt allerdings ein paar Dinge, auf die auch ruhigere Charaktere achten sollten – denn in einer kompetitiven Gesellschaft macht es wenig Sinn, heimlich zu leisten und darauf zu hoffen, entdeckt zu werden.

1. Entdecken Sie Ihre persönlichen, für Ihren Erfolg relevante Stärken

Wir nehmen Veränderungen sehr schnell, mit einem 360°-Radar war. Dies ist gerade in medizinischen Berufen so wichtig, denn dadurch haben wir eine hohe Empathiefähigkeit, für die Patienten mit kritischen Gesundheitszuständen sehr dankbar sind. Zur Weiterentwicklung sind diese feinen Antennen oft hinderlich, da sie uns schnell nur auf die vermeintlichen Schwächen, anstatt Stärken fokussieren lassen. Auch kritisches Feedback nehmen wir oft sensibler wahr, ziehen uns den Schuh voreilig selbst an und glauben sofort, nicht gut genug zu sein. Dabei ist kritisches Feedback nicht mehr als eine Chance zum Wachsen. Mein Rat: Machen Sie sich eine Liste mit sämtlichen Faktoren, die für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter oder eine neue Position relevant sein könnten. Notieren Sie nicht nur fachliche Kompetenzen, wie Erfahrung in einem bestimmten Bereich, sondern vor allem „weichere Faktoren“, wie z.B. strukturiertes Arbeiten, eine gute Teamführung, hohe Belastbarkeit, etc. Notieren Sie sich dann für jedes Kriterium tagtäglich Beispiele, bei denen Sie diese erforderliche Stärke gezeigt haben. Wichtig: Jedes noch so kleine Beispiel zählt, auch wenn es Ihnen banal vorkommt. Es geht darum, im entscheidenden Moment genug Munition zu haben, um argumentieren zu können. Denn wenn Sie es nicht tun, tut es ein Kollege. Und woher soll Ihr Gegenüber wissen, was Sie können, wenn Sie es nicht kommunizieren? Betrachten Sie es als unterlassene Hilfeleistung, wenn Sie Ihre Stärken und Ihren Wert nicht an Ihren Gesprächspartner vermitteln.

2. Netzwerken Sie – seitwärts und nach oben

Wenn Sie beruflich vorankommen wollen, brauchen Sie Netzwerke. Und zwar in alle Richtungen. Auf gleicher Ebene und darunter brauchen Sie Menschen, die Sie wahrnehmen und positiv über Sie reden. Junge Ärzte, Krankenpfleger und sogar das Reinigungspersonal sollten nach Möglichkeit von sich aus gut über Sie reden. So erzeugen Sie Aufmerksamkeit für Ihre Person und beweisen, dass Menschen gerne für Sie arbeiten. Diese Kollegen machen Sie zu einer Person, über die man spricht, und zwar positiv spricht. Dadurch kommen Sie bei vielen Vorgesetzten überhaupt erst einmal auf dem Radar. Letztlich ist es aber auch wichtig, informell nach oben, mit potenziellen zukünftigen Vorgesetzten oder Entscheidungsträgern, vernetzt zu sein. Gehen Sie aktiv auf für Sie interessante Personen zu und sprechen sie gezielt mit ihnen – im besten Fall sogar alleine, beispielsweise bei einem Mittagessen. Gehen Sie mit dem klaren Fokus in den Termin, dass Sie den anderen von Ihren Leistungen überzeugen wollen.

3. Beginnen Sie, öffentlich zu leisten

Für viele ist dies ein schwieriger Punkt: „Ich will doch nicht jede Kleinigkeit so raushängen lassen wie der Kollege XY“. Müssen Sie auch nicht. Sie können es auf Ihre Art machen und Ihre Erfolge ganz beiläufig erwähnen. Zum Beispiel erzählen Sie, dass Sie bei der erfolgreichen Behandlung von einem Patienten, über eine interessante Studie gestolpert sind, die vielleicht auch für Ihr Gegenüber relevant sein könnte. Bedeutet: Sie fokussieren nicht auf: „Ich habe bei dem Patienten signifikante Fortschritte gemacht,“ sondern auf „Ich habe da etwas Interessantes für Sie, mit dem ich übrigens bei dem Patienten signifikante Fortschritte gemacht habe“. So sind Sie sogar einen Schritt weiter als andere, denn Sie geben Ihrem Gegenüber noch eine ihm bis dato unbekannte Information. Ich beobachte, dass sich vor allem beziehungsorientiertere Menschen (häufig Frauen) mit dieser Art der Kommunikation wohler fühlen. Sie kommunizieren so Ihre Leistungen auf eine andere, aber nicht weniger wirkungsvolle Art. Ganz im Gegenteil: Dem Gegenüber werden dabei viele Stärken klar: Die Kollegin lässt nicht locker, bis sie eine Lösung hat, sie hat Ohren und Augen offen für neueste Erkenntnisse und sie hat keine Scheu, diese zu teilen. Und natürlich hat sie bei dem Patienten signifikante Fortschritte gemacht.

4. Halten Sie an entscheidenden Stellen Wortdiät

So wichtig ein paar Worte mehr sind, wenn es darum geht, die eigenen Erfolge zu verkaufen, empfiehlt es sich an anderer Stelle zu schweigen. Vor allem dann, wenn Sie Forderungen stellen oder mit Kritik umgehen müssen. Gerade wenn die Kritik unberechtigt erscheint, empfehle ich ein kurzes: „Danke für das Feedback, ich habe das komplett anders wahrgenommen.“ Lassen Sie diese Äußerung einfach im Raum stehen und warten Sie ab, was passiert. Zum einen merkt der Kritiker dadurch, dass er auf dem Holzweg sein könnte und bringt womöglich mehr Argumente, oder fragt nach, was Sie damit meinen. Vielleicht stellt sich auch heraus, dass die Kritik einfach nur so daher gesagt war und er lässt das Thema ruhen. Sie sollten weder bei Kritik noch beim Stellen von Forderungen, z.B. in Form von: „Ich möchte diesen Job,“ zu schnell zu viel argumentieren. Stellen Sie einen derartigen Satz in den Raum und warten Sie ab, was passiert. Je mehr Sie argumentieren, umso angreifbarer werden Sie. Auch einen fragenden Blick können Sie so ruhig einmal aushalten und sich innerlich darüber freuen, dass der andere sich jetzt an Ihnen „abarbeitet“. Ein anderes Beispiel: Sie werden gefragt, ob Sie sich eine Aufgabe vorstellen können. Ziehen Sie es auch nur annähernd in Betracht, dann sagen Sie laut und deutlich „JA“ und schweigen Sie dann. Ihre Zweifel dürfen Sie für sich behalten, denn wahrscheinlich können Sie die Aufgabe locker stemmen. Lassen Sie sich von Selbstzweifeln oder Ihrer Bescheidenheit keinen Strich durch die Rechnung machen. Sich selbst gegenüber dürfen Sie die Zweifel äußern, um gezielt Ihre Lücken zu schließen. Häufig beobachte ich bei meinen Klientinnen jedoch, dass sie zu Dingen „Nein“ sagen, wenn sie sich nicht 100% sicher sind. Doch, niemand kann sich zu 100 % sicher sein. Sehen Sie es mal so: Schlagen Sie eine solche Möglichkeit aus, verwehren Sie an dieser Stelle Ihre Fähigkeiten und die Chance für eine große Aufgabe.

5. Trennen Sie die Person vom Verhalten

Gerade in sehr hierarchisch geprägten Umfeldern herrscht oft ein etwas rauer Ton. Das Motto „Nicht geschimpft ist genug gelobt“ ist hier an der Tagesordnung. Kommt eine Ansage mal etwas knapp oder schroff, nehmen wir das oft sehr persönlich. Wir schimpfen dann auf die Männerwelt oder den „ungehobelten Klotz“ bei dem man ohnehin nie eine Chance bekommt, der nur Männer nach oben kommen lässt und dessen Frau zu Hause brav die Kinder hütet. Wenn wir solche Bilder erst einmal im Kopf haben, werden sie zur fixen Idee. Daher: Trennen Sie die Person vom Verhalten und lassen Sie dadurch gar nicht erst eine gedankliche Distanz zwischen sich und Ihrem Vorgesetzten entstehen. Auch wenn Sie das Verhalten nicht schätzen, liegt das nicht unbedingt an der Person. Vielleicht kann derjenige sich nicht besser verhalten, weil es nicht gelernt wurde. Vielleicht ist derjenige selbst unsicher im Umgang mit Ihnen, oder das Verhalten beruht auf einem Familienhintergrund mit klassischer Rollenverteilung. Es mag viele Gründe für ein Verhalten geben. Führen Sie sich immer vor Augen, dass der Andere für sich und nicht gegen Sie handelt. Er oder sie will Sie nicht einschüchtern, sondern nur sich selbst stark machen. Das ist ein Unterschied und bewahrt Ihnen Ihre Dialogbereitschaft, die zum Vorankommen so wichtig ist.

6. Bewahren Sie die Balance zwischen Vor- und Nachteilen eines Karriereschritts

Oft denken wir bei einem möglichen Karriereschritt zu viel über den Preis dafür nach und blenden die Vorteile aus. Sätze wie: „Da muss ich mich erst neu behaupten, wie anstrengend...“, „Da muss ich mich erst einmal komplett neu einarbeiten“ oder „Da weiß ich nicht, ob mir das Umfeld so gefällt“ dominieren das Denken. Bei Karriereschritten finden wir oft schnell das Haar in der Suppe. Versuchen Sie, dabei fair zu bleiben und schreiben Sie für jeden gefundenen Haken auch einen Vorteil auf ein Blatt Papier: Welchen Spaß würde die neue Aufgabe, der neue Job bringen? Was könnten Sie endlich tun, was Sie heute nicht tun können? Was müssten Sie nie wieder tun? Fokussieren Sie sich gedanklich auf die Vorteile, welche die neue Aufgabe mit sich bringen würde. So gehen Sie die Aufgabe leichter und überzeugender an. Meist wird der Preis dafür dann nicht nur gefühlt, sondern auch wirklich kleiner, denn vieles ist dann doch unbewusst immer wieder nur in unserem Kopf.

Über die Autorin

Katrin Seifarth ist Business- und Life-Coach und mehrfache Autorin. In ihren Trainings, Coachings und Workshop-Moderationen legt die diplomierte Betriebswirtin Wert auf schnelle und nachhaltige Ergebnisse, bei denen sich die Teilnehmer selbst treu bleiben und aus der Kraft ihres Potenzials schöpfen können, statt für sie unpassendes Verhalten anzutrainieren. Durch ihre diversen Coaching-Ausbildungen gelingt es ihr, unbewusste Denk- und Verhaltensweisen beim Einzelnen und in Teams bewusst zu machen und aufzulösen. Sie ist überzeugt: „Erfolg kann erst entstehen, wenn Sie Erfolgsbremsen und hinderliche Überzeugungen bei sich auflösen und bei anderen erkennen und wertschätzend damit umgehen. Denn dann – und nur dann – kann jeder Einzelne und jedes Team fast wie auf Autopilot dem Erfolg entgegensteuern.“

Zuletzt aktualisiert: 07.05.2019
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