Widerstände im klinischen Alltag nerven nicht nur, sondern kosten auch Zeit und Energie. Lassen Sie Widerstände künftig elegant abprallen und nutzen Sie die freigesetzte Energie für Ihre Ziele.

Rückschläge machen Sie stärker – Ärgern ist wie Gift trinken

Der Begriff Resilienz kommt aus der Psychologie und hat seinen Ursprung im lateinischen Verb „resilire“, was so viel wie „abprallen“ bedeutet. Resiliente Menschen sind eher in der Lage, persönliche Rückschläge oder berufliche Krisen zu verkraften und konstruktiv zu bewältigen. Ein solcher persönlicher Rückschlag kann zum Beispiel die Nachbesetzung der freien Oberarztstelle sein, bei der Sie nicht berücksichtigt wurden.

Mein Tipp für Sie: Halten Sie sich nicht zulange mit Ihrem Ärger auf. Lassen Sie sich Ihre Laune nicht durch einen ungerechten Chef vermiesen. Denn Ärgern ist wie Gift trinken. Akzeptieren Sie den Rückschlag, nehmen Sie ihn als Herausforderung an: Bedauern oder betrauern Sie die Entscheidung, aber – ganz wichtig – definieren Sie vorher, wie lange Sie enttäuscht oder ärgerlich sein wollen. Einen Tag, eine Woche oder einen Monat? Nach Ablauf dieser Frist schließen Sie die Vergangenheit ab und schalten um auf Zukunft: Planen Sie aktiv, wie Sie beim nächsten Mal berücksichtigt werden, suchen Sie sich Unterstützer und Förderer. Gehen Sie aus solchen Tiefs gestärkt hervor und denken Sie daran: Ein Schiff braucht Gegenwind, um zu segeln!

Laufen Sie bei Gegenwind zur Hochform auf

Manche Menschen scheinen in Stresssituationen über unsichtbare Kräfte zu verfügen und laufen zur Hochform auf. Sie haben eine hohe Resilienz. Anderen hingegen reicht eine kritische Bemerkung bei der Morgenkonferenz, eine Änderung im OP-Plan, eine schwierige Patientin oder ein unbedachtes Wort einer Kollegin, um aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Erkennen Sie die Signale frühzeitig

Achten Sie auf die Signale Ihres Körpers: Sie fahren schnell aus der Haut, sind häufiger unzufrieden, fühlen sich gehetzt, ertappen sich beim Muss-Denken und können nach Dienstschluss schlecht abschalten. Alles Warnzeichen, dass Ihre Resilienz sinkt, Ihr Schutzsystem herunterfährt. Erarbeiten Sie sich Ihr eigenes Frühwarnsystem: Zum Beispiel, wenn Sie anfangen, auf Pausen zu verzichten, nicht mehr zum Sport gehen, fahrig oder ungerecht werden – dann steht Ihre Ampel schon auf dunkelgelb. Stoppen Sie die Abwärtsspirale. Holen Sie sich Unterstützung von Ihrem Partner und Ihren Kollegen: „Woran erkennt ihr, dass ich gestresst bin und gerade meine Grenzen ignoriere?“ und noch eine Bitte: „Sag mir Bescheid, wenn ich wieder rotiere.“

Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft

Besonders Ärztinnen setzen sich oft mit hoher Energie für ihren Job ein und leiden unter Stress, Überforderungsgefühlen und Selbstzweifeln. Nutzen Sie die sieben Resilienzfaktoren, um Ihre psychische Widerstandsfähigkeit zu stärken. Es ist eine unsichtbare Kraft, die jeder lernen kann. Auch Sie!

Die 7 Kern-Strategien für mehr Widerstandsfähigkeit

  1. Akzeptanz – Ändern Sie, was zu ändern ist und akzeptieren Sie, was Sie nicht ändern können
    Sie müssen akzeptieren, dass Widerstände, Schwierigkeiten und Widersacher zu Ihrem Alltag gehören – besonders im hierarchisch geprägten Umfeld einer Klinik. Mir hilft immer wieder der einfache Satz: „Dann ist das so.“ Akzeptieren Sie, dass Sie andere Menschen nicht verändern können, nur Ihre eigene Haltung dazu. Lernen Sie zu unterscheiden, was Sie an Strukturen und Hierarchien in der Klinik akzeptieren müssen und was Sie tatsächlich verändern können. Und: Suchen Sie sich für Ihre Pläne Unterstützer und Mentoren, möglichst weit oben in der Klinikhierarchie.
     
  2. Optimismus – Konzentrieren Sie sich auf Ihre Erfolge
    Schauen Sie abends nach Dienstschluss auf das, was Sie geschafft haben: Überlegen Sie, welches Patientengespräch Sie gut gemeistert haben und welchen Angriff Sie gelassen gekontert haben. Knüpfen Sie an positive Erfolge an, erweitern Sie Ihre Spielräume Stück für Stück. Und wenn mal was nicht geklappt hat: Ärgern Sie sich nicht zu lange über sich selbst und probieren Sie es am nächsten Tag einfach noch einmal.
     
  3. Lösungsorientierung – Warten Sie nicht auf andere!
    Ihr Chef fördert Sie nicht? Sie warten immer noch auf die Freigabe des Budgets für den Kongress oder das überfällige Jahresgespräch? Dann vergeuden Sie nicht Ihre Zeit mit Meckern und Motzen, sondern werden Sie selbst aktiv: Sprechen Sie Ihren Chef an, dass Sie ein wichtiges Gespräch mit ihm / ihr führen wollen. Mein Tipp: Setzen Sie ihm / ihr eine Frist. Machen Sie sich nicht von anderen abhängig, sondern agieren Sie nach dem Motto: Love it, change it or leave it!
     
  4. Verlassen der Opferrolle – Sorgen Sie für sich selbst
    Sie sind kein Opfer der Umstände, sondern Gestalterin Ihres Lebens. Schauen Sie nicht auf andere, denn der Vergleich macht Sie unzufrieden. Wundern Sie sich nicht, wenn in schwierigen Situationen plötzlich alte Glaubenssätze auftauchen, die die Situation nur noch verschlimmern: „Bin ich für den Job überhaupt gut genug?“ Ich empfehle Ihnen, sich zu fragen, ob dieser Gedanke Ihnen gerade nützt oder Sie nur nach unten zieht. Seien Sie vor allem vorsichtig bei WARUM-Fragen: „Warum werden immer meine Schichten verschoben?“, „Warum bekomme ich immer die nervigsten Patienten?“ – WARUM-Fragen sind in die Vergangenheit gerichtet, passiv und nicht lösungsorientiert. Fangen Sie an, umzudenken, schauen Sie nach vorne und überlegen Sie, WAS Sie daraus lernen können und WIE Sie beim nächsten Mal anders agieren.
     
  5. Verantwortung übernehmen – Seien Sie selbst für Ihren Weg verantwortlich, lernen Sie nein sagen
    Übernehmen Sie für sich, Ihre Abteilung und Ihren Arbeitgeber Verantwortung. Zeigen Sie sich kooperativ und verantwortungsbewusst. Aber: Achten Sie auch darauf, nicht gleich die ganze Verantwortung Ihrer Klinik übernehmen zu wollen. Klären Sie mit Ihrem Chef, für was Sie verantwortlich sind und für was NICHT – das wird, gerade im medizinischen Bereich gerne mal vergessen. Fragen Sie, welche Spielräume Sie haben. Halten Sie sich auch mal bewusst zurück, wenn unliebsame Aufgaben verteilt werden und lassen Sie Ihre Kollegen ran. Und delegieren Sie Verantwortung für Dinge, die Ihnen nicht wichtig sind, an Ihre Kollegen.
     
  6. Netzwerkorientierung – Suchen Sie sich Unterstützer/Mentoren, die Ihnen guttun
    Notieren Sie sich Ihre Energiefresser und Ihre Energietankstellen: „Welche Tätigkeiten und Aufgaben tun mir gut und welche nicht?“ Grundsätzlich rate ich, dass Sie das, was Ihnen guttut, aktiv ausbauen und das, was Ihnen nicht guttut, reduzieren. Das geht aber nur langsam, in kleinen Schritten. Fragen Sie sich, „Mit wem arbeite ich gerne zusammen?“ und „Mit wem möchte ich künftig (mehr) zusammenarbeiten?“ und „Wer sind meine drei wichtigsten Unterstützer?“ Wenn Sie Ihre (zukünftigen) Unterstützer gefunden haben, nehmen Sie sich Zeit und sprechen Sie mit diesen Personen – obwohl Sie im medizinischen Alltag eigentlich keine Zeit dafür haben. Schauen Sie auch über den Tellerrand hinaus: Wie läuft es bei Ihren ehemaligen Kommilitonen und Kommilitoninnen? Rufen Sie sie einfach an, erweitern Sie Ihre Perspektive. Nehmen Sie sich die Zeit dafür!
     
  7. Zukunftsorientierung – Schauen Sie nach vorne und setzen Sie sich Ziele!
    Setzen Sie sich Ziele für die sechs Lebensbereiche: Persönlichkeit, Körper & Gesundheit, Freude & Emotionen, Partnerschaft & Familie, Freunde & Netzwerk sowie Finanzen & Materielles. Schreiben Sie Ihre konkreten Ziele auf und besprechen Sie Ihre Pläne mit Ihren Unterstützern. Wann möchten Sie Oberärztin sein, wann starten Sie mit der Familienplanung und welche wissenschaftlichen Veröffentlichungen möchten Sie unbedingt noch vorher machen? Schauen Sie in regelmäßigen Abständen – ich empfehle mindestens alle drei Monate – wie weit Sie bei der Erreichung Ihrer Ziele gekommen sind und steuern Sie gegebenenfalls nach. Und nicht vergessen: Belohnen Sie sich für erreichte Ziele und feiern Sie Erfolge mit Ihren Unterstützern!

 

Fazit: Nutzen Sie die unsichtbare Kraft der Resilienz

Resiliente Menschen verfügen über eine gesunde innere Haltung, gute (Abwehr-)Kräfte kombiniert mit einer Portion geübter Gelassenheit. Glauben Sie an sich und Ihre Stärken. Sehen Sie das Positive in der Krise. Sie wissen, dass Ärgern nichts bringt, sondern nur Ihnen selbst schadet. Bleiben Sie bei sich und Ihren Zielen, Wünschen und Bedürfnissen.

Über die Autorin

Sabine Strobel ist psychologischer Coach, Bergwanderführerin und Führungskräfte-Trainerin in Hannover und Garmisch-Partenkirchen. Als Leadership Coach begleitet sie die Führungskräfteentwicklung für Oberärzte in der Medizinische Hochschule Hannover. In ihren Trainings, Coachings und Workshops legt die Diplomredakteurin Wert auf die praxisnahe Umsetzung psychologischer Modelle im beruflichen Alltag. Sie hat zehn Jahre in einer Krankenkasse gearbeitet und weiß als psychologischer Coach, dass die eigene Einstellung die Gesundheit stark beeinflussen kann. Bei ihren Führungsseminaren stellt sie resilientes Selbst-Management in den Fokus, denn sie ist überzeugt: „Du kannst niemanden führen außer dich selbst.“

Zuletzt aktualisiert: 14.10.2019
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